Das beste Mittel gegen jene Homophobie, die aus Unkenntnis und Unsicherheit Schwulen gegenüber resultiert, ist sicherlich die persönliche Bekanntschaft mit – zumindest halbwegs sympathischen – Schwulen, so wie ja auch das beste Mittel gegen Ausländerfeindlichkeit die persönliche Bekanntschaft mit – zumindest halbwegs sympathischen – Ausländern ist. Allerdings sind Schwule als solche im Gegensatz zu vielen Ausländern nicht äußerlich erkennbar. Das hat zur Folge, dass die meisten Schwulen nicht als Schwule wahrgenommen und schwulenfeindliche Vorurteile nicht im Alltag überprüft und revidiert werden.
Die bekannten Fernseh- und Politschwulen können zwar auch Sympathieträger sein und Vorurteile abzubauen helfen, haben aber sicherlich nicht die gleiche unmittelbare Wirkung wie der dauernde persönliche Kontakt mit Schwulen. Man kann deshalb allen Schwulen, die nicht mit gravierenden und dauerhaften negativen Reaktionen rechnen müssen, nur raten, ihr Schwulsein nicht zu verstecken oder zu verleugnen: Sie tun mit einem solchen Versteckspiel in vielen Fällen weder sich selbst noch anderen einen Gefallen. Jedoch will ich nicht bestreiten, dass es je nach Milieu Ausnahmen gibt und beispielsweise ein schwuler Bauarbeiter oder Dachdecker durchaus Grund zur Vorsicht haben kann.
Die gesellschaftlich bedingte Homophobie, sofern sie aus der Verklärung von Ehe (zwischen Mann und Frau) und Familie (bestehend aus Mann und Frau und Kindern) sowie aus einem Verständnis der Rolle des Mannes als im Konkurrenzkampf gestählten, heldenhaften Ernährers der Familie und der Frau als Hausfrau und Mutter vieler Kinder resultiert, ist durch die Bemühungen um die berufliche und rechtliche Gleichstellung der Frauen und die partielle Wandlung der Männer von Kämpfern, Rivalen und Paschas zu mitfühlenden und einfühlsamen Kollegen und Partnern bereits deutlich geringer geworden. Denn das Aufweichen starrer Geschlechterrollen mindert den Druck auf jene, die diesen Rollen nicht entsprechen. Es ist deshalb zu wünschen, dass sich die Angleichung der Lebenswelten bzw. der beruflichen und privaten Optionen von Männern und Frauen fortsetzt.
Freilich wird die Neigung, vordefinierte Geschlechterrollen einzunehmen, wohl bestehen bleiben: Bereits kleine Kinder definieren sich als Mann oder Frau, sind Cowboy oder Prinzessin – und das ist ja auch nicht schlimm, sofern den Jungen mit Worten und durch persönliches Vorbild deutlich gemacht wird, dass Gewalt im zivilen Leben nicht akzeptabel ist, und solange die Kinder von Eltern oder Umwelt nicht auf Männer- oder Frauenrollen festgelegt werden, also die Prinzessin später trotzdem z. B. Vorstandsvorsitzende und der Cowboy trotzdem z. B. Kindergärtner werden darf. Auch werden die traditionellen männlichen und weiblichen Körpermerkmale, z. B. ausgeprägte Muskeln beim Mann, bezüglich der sexuellen Ausstrahlung wohl noch lange Zeit von Bedeutung sein, obwohl z. B. körperliche Kraft in evolutionärer Hinsicht beim Menschen inzwischen ziemlich bedeutungslos geworden ist: Für die meisten guten Jobs ist Körperkraft weitgehend irrelevant.
Schwierig kann die Entschärfung von Homophobie und Schwulenhass sein, wenn sie sich aus religiösen oder vorgeblich religiösen Motiven nähren. Das gilt weniger für Katholiken, denn wer als Katholik Sex ohne Trauschein oder Sex zwar innerhalb der Ehe, aber mit Verhütungsmitteln praktiziert oder auch nur befürwortet, verstößt ebenso gegen die orthodoxe katholische Lehre wie jeder praktizierende Schwule, da Sex nach Ansicht der katholischen Amtskirche erstens nur innerhalb der Ehe und zweitens nur ohne Verhütungsmittel gestattet ist. Die meisten Katholiken haben also keinen Grund, Schwule zu diskriminieren, da sie die katholische Sexualmoral selber für unsinnig halten und ignorieren.
Anders verhält es sich bei Muslimen, wenn sie den Koran für die wortwörtliche Offenbarung Gottes halten und die fraglichen Stellen so interpretieren, dass dort jegliches homosexuelle Verhalten verboten wird. Dagegen helfen nur eine Infragestellung der Interpretation oder eine Infragestellung des Charakters des Korans als wortwörtliche Offenbarung Gottes. Überzeugte orthodoxe Muslime wird man dazu aber in der Regel kaum bewegen können. Denn es ist schwer, sich von Normen, die man während der Kindheit und Jugend verinnerlicht hat, zu lösen: So verteidigen z. B. viele Muslimas vehement den Islam, obwohl Frauen im Islam massiv benachteiligt werden.
Allerdings dürften bei etlichen muslimischen Jugendlichen und jungen Männern die ideologischen Begründungen für ihren Schwulenhass nur vorgeschoben sein und die eigentlichen Ursachen desselben vielfach eher zum einen in der Unterdrückung eigener schwuler Empfindungen liegen mit der oben beschriebenen Folge der Verlagerung der Hassgefühle auf offen schwul lebende Männer, zum anderen in der Suche nach Schwächeren und vermeintlich Minderwertigen, an denen sie ihren Frust und ihre Wut über die eigene miese Lage gefahrlos und ohne schlechtes Gewissen glauben auslassen zu können und zu dürfen: Bekanntlich gehört ein großer Teil der in Deutschland lebenden Ausländer / Deutschen mit ausländischen Eltern zu den so genannten Bildungsverlierern, ist häufig ohne Schulabschluss, Ausbildung und Arbeit oder hat nur einen schlecht bezahlten Job ohne hohes Sozialprestige. Für viele deutsche Schwulenhasser, insbesondere für viele Rechtsradikale, dürfte die gleiche Diagnose zutreffen.
Für die Akzeptanz eigener schwuler Anteile spielen sicherlich der Grad der Akzeptanz von Schwulen in der Gesellschaft, das Maß von Selbstakzeptanz und Sichtbarkeit von Schwulen in der Öffentlichkeit und im privaten Umfeld sowie die Ausprägung der gesellschaftlichen Rollenbilder von Mann und Frau bzw. die Akzeptanz von Abweichungen von den traditionellen Geschlechterrollen eine Rolle.
Auch der Staat kann die Akzeptanz von Lesben und Schwulen fördern, etwa indem er durchsetzt, dass die Menschenrechte auch innerhalb von religiösen Gemeinschaften geachtet werden müssen, sowie durch die völlige Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften von Lesben / Schwulen mit der Ehe: Es gibt keinen vernünftigen Grund, eine kinderlose Ehe gegenüber einer eingetragenen Lebenspartnerschaft zu privilegieren, z. B. steuerlich. Auch durch mehr Aufklärung und Antiaggressionstraining an den Schulen – wozu entsprechende Lehrerfortbildungen notwendig wären – könnte der Staat bzw. könnten die Bundesländer zu einer größeren gesellschaftlichen Anerkennung und zu einer größeren Sicherheit von Schwulen und Lesben vor Gewalttaten beitragen. Schließlich sollte der Staat die Verherrlichung von Gewalt und Aufrufe zu Gewalttaten stärker und systematisch sanktionieren. Insbesondere halte ich es für inakzeptabel, dass Menschen damit – z.B. im Musik-, Film-, Funk-, Fernsehen- oder Pressegeschäft oder mit einschlägigen Computerspielen – Geld verdienen dürfen.
Gegen die handgreifliche Degradierung von Schwulen, aber auch Farbigen, Obdachlosen, Behinderten oder sonstigen als schwach eingeschätzten Angehörigen von Minderheiten zu Sündenböcken durch schulisch / beruflich und sozial deklassierte, oft auch noch unter Anwendung von Gewalt oder auch gar nicht erzogene Jugendliche und junge Männer helfen langfristig jene Maßnahmen, die ich bereits in früheren Texten wie Freiheit statt Solidarität? Welchen Staat wollen wir? oder Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? angesprochen habe: Der Staat muss darauf achten, dass Kinder gewaltfrei und geliebt aufwachsen, dass alle Bürger eine gute vorschulische, schulische und berufliche Bildung / Ausbildung erhalten, dass sie gemäß ihren Fähigkeiten und Wünschen (berufs)tätig sein und dabei ein angemessenes Einkommen erzielen können, dass jeder Bürger gegen die großen Lebensrisiken wie Krankheit und Arbeitsplatz- bzw. Einkommensverlust versichert ist. Denn wer mit seinem Leben zufrieden ist, hasst nicht.
Freilich braucht man, um zufrieden zu sein, nicht nur materielle Güter, sondern z. B. in der Regel auch stabile soziale Beziehungen, Selbstbestimmungsrechte sowie Freiheit von Gier und Geltungsdrang. Dafür ist der Staat nur zum Teil zuständig. Darauf zu vertrauen, dass Familien und Wirtschaft es schon ganz allein – ohne Hilfen und Regeln staatlicherseits – richten werden, ist gleichwohl fahrlässig und weltfremd.

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